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11. September 2001 NETZWELT | PANORAMA | KULTUR
J A U C H - S H O W

Über das Glück eine Million zu gewinnen

Von Thomas Tuma

Ab Freitag fragt Günther Jauch wieder: "Wer wird Millionär?" Im Mai gewann Marlene Grabherr, die sich seitdem eher fragt: Macht Geld glücklich?

Gewinnerin Grabherr, Quizmaster Jauch: ''Schon die Hälfte verjubelt''
DPA
Gewinnerin Grabherr, Quizmaster Jauch: "Schon die Hälfte verjubelt"
Am Anfang waren die Bilder. Das war am 20. Mai, und in der RTL-Show "Wer wird Millionär?" hüpfte eine dicke Frau in einer lavendelfarbenen Bluse durch Funken sprühendes Feuerwerk und presste einen hölzernen Günther Jauch an ihr großes Herz. Die Frau hieß Marlene Grabherr, 48, und hatte gerade eine Million Mark gewonnen.

Tuschtata ... eine Million! Wahnsinn! Irre! Unglaublich! Sie war überhaupt erst die zweite Hauptgewinnerin nach einem Geschichtsprofessor aus Münster. Frau Grabherr ist eine arbeitslose Bürokauffrau aus Gottmadingen am Bodensee. Noch mehr unglaublich irrer Wahnsinn und Wirgönnen-es-dir-Marlene-Geschrei.

Dann kam das Wort. Und das Wort hatte "Bild". Und "Bild" sprach: "Jauchs Millionärin im Geldrausch". Das Boulevardblatt hatte schon Lothar Kuzydlowski verfolgt, den danach alle nur "Lotto-Lothar" nannten, weil er mit seinem Bruder 7,8 Millionen Mark gewonnen hatte.

"Bild" war damals immer am (Baller-) Mann: bei den Orgien auf Mallorca oder sonstwo, beim Lamborghini-Kauf und natürlich bei Kuzydlowskis Beerdigung. Exitus im Glücks- und Wodka-Rausch. Seither hat "Bild" eine Art Abonnement auf Neureichen-Schicksale.

Da kam Frau Grabherr gerade recht, die sofort zur "Millionen-Marlene" gekürt und mit Sätzen zitiert wurde wie: "Ich habe schon die Hälfte verjubelt." Das war im Juli und gab Anlass zur Sorge: War die Frau bereits auf dem Weg zum nächsten Lamborghini-Händler?

Die Spurensuche führt in eine Art Dauer-Gartenbauausstellung mit Wiesen und Weiden und einer Autobahn, die bis Gottmadingen reicht. In vielerlei Hinsicht ganz unten. Schweizer Grenze eben. Es ist August. Es ist heiß. Auf dem Beifahrersitz: ein RTL-Redakteur und offizieller Grabherr-Beauftragter des Kanals mit Schreibblock voller Fragen der Sorte: "Macht Geld glücklich?"

Der RTL-Mann scheint schon mehr zu wissen. Er macht ein Sie-werden-ja-sehen-Gesicht und erzählt, wie das damals alles begann mit Marlene und der Million.

Schon Monate vor der Show hatte Frau Grabherr versucht, sich via Telefon-Hotline zu bewerben. Immer wieder. Wer mit viel Glück durchkommt, muss eine Quizfrage richtig beantworten. Wer Glück hat, wird zurückgerufen für weitere Fragen. Wer dann immer noch im Spiel ist, wird ins Kölner Studio eingeladen. So zwängte sich Frau Grabherr im Mai auf das Sesselchen zwischen den Scheinwerferkegeln, ihr Mann Edgar saß im Publikum. "Das wird in einer Katastrophe enden", irrte Jauch nach der 250.000-Mark-Frage.

Wer weiß schon, dass Astrid Lindgrens Romanheldin Lotta in der Krachmacherstraße wohnt? Dass der Steinpilz nicht zu den Lamellenpilzen gehört? Dass der Buddhismus keine Schutzengel kennt und die Bee-Gees-Zwillinge Maurice und Robin heißen? Frau Grabherr wusste es auch nicht, riskierte und riet eine Menge, und sie riet richtig.

Noch in der Nacht fuhr die Gewinnerin mit ihrem Edgar wieder nach Hause, weil er am nächsten Mittag Schicht hatte in seiner Schweizer Kunststoff-Fabrik. Sie selbst kann sich kaum noch erinnern: "Das ist wie ein Filmriss", sagt sie.

Danach lud RTL die beiden zu einer Italien-Reise ein, um das kinderlose Paar mit dem kleinen Medien-Einmaleins vertraut zu machen. Das sah dann so aus, dass "Bild" und RTL wieder Fotos machen durften, die nun unter Glas über der Couch in Gottmadingen hängen: Grabherrs beim Eisessen, auf dem Balkon von Romeo und Julia, im Stadion von Mailand.

Seither sind drei Monate vergangen. Das Wohnzimmer der Grabherrs schreit wie seine Bewohner immer noch nicht: Hurra, hier kommt die Spaßfraktion! Nur die Promenadenmischung "Bingo" ist sehr lebendig und kläfft blutrünstig jeden Unbekannten in Grund und Boden.

Im Flur steht eine Kiste Bier, in der Schrankwand ein Stapel Lexika, mit denen "Millionen-Marlene" Flüsse und Großstädte gepaukt hatte vor der Show. Aus der Küche grunzt Edgar Unverständliches. Neben seinem "Industriemeisterbrief" sind die bunten Italien-Erinnerungen der einzige Wandschmuck.

Darunter sitzt nun Marlene Grabherr und erzählt von dem ersten Korb voll Post, der auf sie wartete, als sie aus Italien zurückkam. Eine Frau aus Norddeutschland brauchte 50.000 Mark, um die Schulden ihres Sohnes zurückzuzahlen. Ein Ehepaar aus der Eifel bot für 200.000 Mark eine Geschäftseinlage an, die "nach maximal drei Jahren erste Gewinne abwirft".

So geht das dauernd: Einer schrieb, er sei von Atomstrahlen verseucht. Ein vermeintlicher Opernsänger schickte ein Tonband auf der Suche nach einer Mäzenin. "Wenn ich da anfangen würde ...", sagt sie und fängt gar nicht erst an.

Schmähbriefe zerreißt die Adressatin gleich. Haustürbesuche wimmelt sie ab, wenn RTL sie vorher nicht angekündigt hat wie diesmal. Bingos Augen blitzen hungrig. "Man wird misstrauischer", sagt Frauchen. Noch misstrauischer.

Weiter: "Wie ein Filmriss" - Teil 2


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